
Es ist Sonntagabend in Potsdam, und das Licht über dem Park Sanssouci hat diesen speziellen, goldenen Schimmer, der sich auf den Fassaden der Häuser aus der Zeit zwischen 1871 bis 1914 bricht. Ich sitze an meinem Sekretär, mein Leinen-Heft aufgeschlagen, und blicke hinüber zum Park, dessen 290 Hektar Grünfläche heute wie eine stille Lunge für die Stadt wirken. In der vergangenen Woche gab es einen Moment in der Fachbibliothek, der mich fast aus der Fassung gebracht hätte – eine Signatur war falsch vergeben, ein ganzer Bestand an Fachzeitschriften schien unauffindbar, und die Ungeduld der Studenten lastete wie eine physische Schwere auf meinen Schultern.
Früher hätte ich in einer solchen Situation die Luft angehalten, die Zähne zusammengebissen und versucht, das Problem durch reine, freudlose Disziplin zu lösen. Seit dem Tod meines Vaters im Herbst 2022 begleitete mich dabei oft diese vertraute Enge in der Brust, ein Gefühl von Isolation inmitten des Staubs alter Papierseiten. Doch an diesem Vormittag im Juni war etwas anders. Ich griff nicht nach dem Telefon, sondern hielt einen Moment inne. Ich spürte das kühle Metall der Karteikasten-Schiene unter meinen Fingern, während ich kurz die Augen schloss und mir die Gesichter meiner Großeltern vorstellte. Es war kein langes Ritual, nur ein bewusster Querverweis in meine eigene innere Systematik.
Die Signatur der Ahnen im Archiv des Alltags
In den elf Monaten, seit ich im vergangenen Spätsommer auf den ersten Clip von Andreas Goldemann stieß, habe ich gelernt, meine Ahnenlinie wie einen gut gepflegten Bestand zu behandeln. Ich bin keine Schamanin und keine Therapeutin – ich bin eine Bibliothekarin, die Ordnung liebt. Die vier phoenix999-Hauptkurse, die ich mittlerweile durchgearbeitet habe, sind für mich wie Handbücher für eine innere Archivierung geworden. Wenn der Stress im Lesesaal zunimmt, nutze ich kleine Anker, um mich mit der Kraft derer zu verbinden, die vor mir da waren.
Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Erkenntnis, dass Gelassenheit kein glücklicher Zufall ist, sondern eine Frage der Anbindung. Wenn ich am Kopierer stehe oder Daten in das System einpflege, stelle ich mir oft vor, wie meine Ahnenlinie hinter mir steht. Das ist keine esoterische Träumerei, sondern ein bewusstes Ausrichten der inneren Haltung. Es fühlt sich an, als würde man eine verstaubte Akte öffnen und feststellen, dass man nicht die Erste ist, die vor einer Herausforderung steht. Diese Kontinuität gibt mir eine Stabilität, die ich früher im Außen gesucht habe.

Kleine Pausen am gelben Karteikasten
In meiner Potsdamer Wohnung habe ich einen gelben Karteikasten für Zitate und Notizen aus den Sessions. Im Büro habe ich ein ähnliches Prinzip entwickelt. Wenn es besonders hektisch wird, nehme ich mir zwei Minuten Zeit für eine bewusste Atempause. Ich nenne das meine 'Marginalia des Alltags'. Ich konzentriere mich auf meine Wirbelsäule und die Verbindung zu meinen Eltern und Großeltern. Vor etwa drei Monaten, während der grauen Novemberwochen, war das oft der einzige Weg, um nicht in eine tiefe Erschöpfung zu rutschen.
Dabei ist mir aufgefallen, dass ein plötzliches Wärmegefühl, das vom unteren Rücken bis in den Nacken aufsteigt, oft das Zeichen dafür ist, dass ich mich erfolgreich auf meine Ahnenlinie konzentriert habe. Es ist, als würde die energetische Versorgung wieder fließen, die im Stress oft wie eine blockierte Fernleihe unterbrochen ist. Diese physische Reaktion ist für mich der Beweis, dass diese Arbeit wirkt, ohne dass ich sie wissenschaftlich sezieren muss. Es ist eine Erfahrung, die ich in meinem Leinen-Heft akribisch datiere und mit Querverweisen zu den entsprechenden Sessions aus dem Kurs 'Kraft der Ahnen' versehe.
Es gab jedoch auch Wochen, in denen gar nichts passierte. Ich saß in meiner Wohnung, schaute auf den Park und fühlte mich so leer wie ein unbeschriebenes Blatt. In Woche 14 nach dem zweiten Kurs hatte ich eine Session abgebrochen, weil ich einfach keinen Zugang fand. Das gehört dazu. Man kann den Bestand nicht erzwingen; manchmal braucht das Archiv einfach Zeit zum Ruhen.
Der Fallstrick der Überinterpretation: Ein bibliothekarischer Einspruch
Ein Punkt ist mir besonders wichtig, und ich habe ihn in meinem Heft rot unterstrichen: Die ständige Suche nach Ahnenmustern zur Konfliktlösung führt im Job oft zu einer Überinterpretation des Gegenübers und blockiert statt fördert die sachliche Kommunikation. Ich habe beobachtet, wie manche Menschen in spirituellen Kreisen anfangen, das Verhalten jedes Kollegen durch die Brille dessen Ahnen zu sehen ('Er ist so aggressiv, weil sein Großvater im Krieg war').
Für mich als Bibliothekarin ist das eine unzulässige Grenzüberschreitung. Ich habe kein Zugriffsrecht auf die 'Signaturen' anderer Menschen. Wenn ich versuche, die Traumata meines Vorgesetzten zu analysieren, verliere ich den Fokus auf meine eigene Arbeit und meine eigene Ahnenkraft. Meine Gelassenheit im Job kommt nicht daher, dass ich andere verstehe, sondern dass ich bei mir bleibe. Die Ahnenarbeit dient dazu, meinen eigenen Rücken zu stärken, nicht um ungebetene Diagnosen bei anderen zu stellen. Das hilft mir, in sachlichen Gesprächen klar zu bleiben, ohne mich in fremden Energien zu verstricken.
An einem besonders hektischen Vormittag im Juni hatte ich eine Auseinandersetzung mit einem schwierigen Kollegen. Früher wäre ich in die Defensive gegangen, mein Herz hätte gerast. Diesmal spürte ich einfach nur den Boden unter meinen Füßen und die Präsenz meiner Ahnen hinter mir. Es war keine lautstarke Verteidigung nötig. Ich blieb ruhig, sachlich und präzise. In solchen Momenten merke ich, wie sehr mir das Finden meiner inneren Wurzeln neuen Halt gibt, gerade wenn der berufliche Wind auffrischt.

Praktische Tipps für den Schreibtisch
Wie integriert man das nun ganz konkret, ohne dass die Kollegen denken, man sei unter die Schamanen gegangen? Hier sind meine bibliothekarischen Notizen für den Alltag:
- Die Haltung am Stuhl: Achte darauf, dass dein Rücken die Lehne berührt. Stell dir vor, diese Lehne ist die Kraft deiner Ahnenlinie, die dich stützt.
- Der visuelle Anker: Ein kleiner Gegenstand auf dem Schreibtisch – bei mir ist es ein alter Briefbeschwerer meines Vaters – kann als Signatur für die Verbindung zu den Ahnen dienen.
- Kurze Check-ins: Nutze den Weg zur Kaffeemaschine oder zum Kopierer, um innerlich kurz 'Danke' zu sagen. Es braucht keine großen Worte, nur ein Anerkennen der Herkunft.
- Keine Heilungsversprechen: Ich sage das immer wieder: Energetische Arbeit ersetzt keinen Besuch beim Hausarzt oder eine notwendige Psychotherapie. Wenn die Trauer oder der Stress zu massiv werden, sollte man sich professionelle Hilfe suchen.
Ich bin keine Expertin für das Leben anderer. Ich habe lediglich ein System gefunden, das mir hilft, meine eigene Geschichte zu ordnen. Es ist wie das Katalogisieren eines ungeordneten Nachlasses: Erst wenn alles seinen Platz hat, kehrt Ruhe ein. Wer sich für die Begrifflichkeiten interessiert, findet in meinem Glossar der phoenix999-Begriffe eine sachliche Aufarbeitung der Methoden, die Andreas Goldemann nutzt.
Draußen ist es jetzt fast dunkel. Ich klappe mein Leinen-Heft zu und stelle es zurück ins Regal, genau zwischen die Fachliteratur und meine privaten Aufzeichnungen. Morgen früh, bevor ich mich auf den Weg in die Bibliothek mache, werde ich wieder kurz am Fenster stehen, in den Park blicken und tief durchatmen. Die Ahnen sind kein Projekt, das man abschließt – sie sind ein Bestand, der täglich gepflegt werden will. Und diese Pflege ist es, die mir die Gelassenheit schenkt, die ich für meine Arbeit brauche.