
Zehn Einträge lang habe ich versucht, mein Tagebuch auf dem Laptop zu führen, dann habe ich aufgehört. Die Cursor-Zeile blinkte zu ungeduldig, und jedes Wort fühlte sich an wie ein weiterer Punkt auf einer Liste, die ohnehin schon zu lang war. Was seitdem an ihre Stelle getreten ist, hat wenig mit klassischer Gesprächstherapie zu tun und mehr mit einer Systematik, wie ich sie aus meiner Arbeit als Bibliothekarin kenne: eine Art, Traumabewältigung über mehrere Generationen hinweg per Ahnenarbeit und energetischer Selbstheilung anzugehen, ganz ohne eine Praxis für Psychotherapie zu betreten. Seit dem plötzlichen Tod meines Vaters im Herbst 2022 nenne ich das für mich schlicht meine Ahnenarbeit — nicht weil das Wort so gut klingt, sondern weil es beschreibt, was ich tatsächlich tue: sortieren, was mir zufällt.
Was daraus geworden ist, lässt sich nicht in einer Diagnose zusammenfassen, aber es lässt sich in einer Frage bündeln, die mir öfter gestellt wird, als mir lieb ist.
Ahnenarbeit ohne Therapie im Alltag
Vor die vier Kurse der phoenix999-Reihe bin ich eher gestolpert, als dass ich sie gezielt gesucht hätte. Was Andreas Goldemann in seiner Methode anders macht als eine klassische Gesprächstherapie, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Er arbeitet über Resonanz im Körper, nicht über das wiederholte Erzählen einer Geschichte. Für mich als introvertierten Menschen war das eine Erleichterung, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.
Mein Kriterium, ob eine Übung für mich funktioniert, ist inzwischen simpel. Reagiert der Körper innerhalb weniger Minuten mit einer spürbaren Veränderung — Wärme, ein tieferer Atemzug, ein Lockerwerden im unteren Rücken —, bleibe ich dabei. Passiert nichts, breche ich ab, statt die Übung zu erzwingen, denn aus der Archivarbeit weiß ich: Man macht ein Dokument nicht lesbarer, indem man länger darauf starrt.
Andere in der Szene sprechen dabei von Familienmustern, die sich freilegen lassen, oder führen ein regelrechtes Session-Protokoll; ich habe dafür meinen gelben Karteikasten, in dem jede Karte eine Signatur trägt, zum Beispiel Urkraft, Teil 3, mit Datum und ein paar Zeilen Marginalie daneben. Wenn ich abends durch die Karten blättere, raschelt das leise und trocken, ein Geräusch, das sich für mich inzwischen eher nach Ruhe anfühlt als nach Aktenarbeit. Die Wissenschaft hat für das Grundprinzip dahinter ein Wort, Epigenetik, aber mehr als das lege ich mir dazu nicht zurecht, es reicht mir zu wissen, dass Erfahrungen offenbar Spuren hinterlassen, die über eine einzelne Generation hinausreichen.
Lange dachte ich, ich müsste jedes Detail der Familiengeschichte in mühevoller Archivrecherche ausgraben, und wie ich in Familiengeschichte heilen: Warum Ahnenarbeit mehr als nur reine Recherche ist schon einmal festgehalten habe, ist reines Wissen um Daten und Orte nur die halbe Miete. Die eigentliche Arbeit findet für mich im Körper statt, nicht im Geburtsregister.

Woche 7 — Die Mappe, die liegen bleiben durfte
Am Sonntagmorgen gehe ich oft zum Wochenmarkt am Bassinplatz hier in Potsdam, kaufe Brot und stehe danach noch eine Weile zwischen den Ständen, ohne mich zu beeilen. Genau dort ist mir aufgefallen, wie sehr sich mein Sonntag in den letzten Monaten verschoben hat — früher war er der Tag, an dem ich am ehesten in ein Loch fiel, inzwischen ist er einfach ein Markttag mit Brot und Kaffee.
Um die siebte Woche seit ich richtig angefangen hatte, die Sessions zu protokollieren, fiel mir beiläufig etwas auf, ohne dass es sich wie ein großer Moment anfühlte: Die alte Mappe mit seinen Unterlagen stand tagelang neben meiner Tasse auf dem Küchentisch, und ich rührte sie nicht an — nicht aus Vermeidung, sondern weil zum ersten Mal keine Dringlichkeit mehr dahinterstand. Das war kein großer Durchbruch, eher eine Verschiebung im Regal.
Ob das, was sich in meinen eigenen Karten wiederholt, exakt der Transgenerationalen Weitergabe entspricht, kann ich als Laiin nicht beurteilen, aber die Wiederholung selbst ist zu auffällig, um Zufall zu sein.
Benedikta, eine Forumsbekanntschaft aus den Kommentaren unter Andreas Goldemanns Videos, schreibt mir manchmal lange Nachrichten, in denen sie auf die Minute genau festhält, wann ihre Session begann und wie lange die Wärme im Rücken anhielt. Ich beneide sie nicht um diese Genauigkeit, mir reicht die Woche als Einheit.
Grenzen ziehen zwischen Selbsthilfe und Therapie
Ich bin keine Schamanin, keine spirituelle Lehrerin und erst recht keine Therapeutin; ich übe das als Laiin ohne Ausbildung, mit allen Grenzen, die das mit sich bringt. Wenn dich die Emotionen überfluten oder du das Gefühl hast, den Halt zu verlieren, ersetzt kein Karteikasten der Welt ein Gespräch mit einem Arzt oder einer approbierten Psychotherapeutin.
Zwischen väterlicher und mütterlicher Linie zu unterscheiden, macht in den Übungen einen spürbaren Unterschied, wie ich inzwischen weiß, aber wie genau, ist eine andere Geschichte für einen anderen Sonntag. Genauso wie die Frage, welcher der vier Kurse sich für den Einstieg eignet, mittlerweile habe ich alle durchgearbeitet, aber die Reihenfolge, die bei mir funktioniert hat, gehört nicht in dieses Heft.

Lieselind, eine Bekannte aus dem Trauercafé, in das ich hin und wieder noch gehe, hat mir neulich von ihrer ersten Woche mit Kraft der Ahnen erzählt, leise, wie immer, obwohl man ihr die Aufregung ansah. Was bei mir unter Ahnenarbeit läuft, würde in einem anderen Zusammenhang vielleicht Trauerverarbeitung heißen; die Bibliothekarin in mir mag nur das nüchternere Wort lieber.
Was vom ersten Jahr bleibt
Ich habe gelernt, dass ein Bestand nicht an einem Tag geordnet wird und manche Wochen komplett leer bleiben dürfen, auch im Karteikasten. Im Mai zum Beispiel habe ich drei Wochen lang kaum geübt, aus schlichter Erschöpfung, und nichts ist deswegen zusammengebrochen.
Wer nach einem Weg sucht, alte Familienlast zu bearbeiten, ohne sofort eine Therapie zu beginnen, sollte sich vor allem eines merken: Es muss nicht alles auf einmal geordnet werden, und ein Bestand darf über Jahre wachsen, ohne dass man ihn erzwingt. Das ist die einzige Systematik, die bei mir bisher gehalten hat, nicht, weil sie schneller wäre als eine Gesprächstherapie, sondern weil sie sich in mein Leben als Bibliothekarin einfügt, ohne es zu überfordern.