
Draußen über dem Sanssouci-Park legt sich das Blau der späten Dämmerung über die kahlen Äste der Linden, und in meiner Wohnung ist es so still, dass ich das Ticken der alten Wanduhr im Flur höre. Ich sitze an meinem Sekretär, vor mir das graue Leinen-Heft, das mittlerweile fast zur Hälfte gefüllt ist. Es ist Sonntagabend, die Zeit, in der ich die Erlebnisse der vergangenen Woche katalogisiere, als wären sie wertvolle Erstausgaben, die in den Bestand aufgenommen werden müssen. Das raue Gefühl des grauen Leinen-Einbands unter meinen Fingern erdet mich sofort, noch bevor ich die erste Zeile datiert habe.
Seit ich im letzten September damit begonnen habe, die Phoenix999-Kurse von Andreas Goldemann nicht mehr nur konsumierend zu schauen, sondern systematisch zu erschließen, hat sich mein Blick auf meine eigene Geschichte verändert. Mein Vater starb im Herbst 2022, ein plötzlicher Herzinfarkt an einem ganz gewöhnlichen Donnerstag, und lange Zeit war meine innere Welt ein unsortierter Stapel loser Blätter. Wer beruflich in einer Fachbibliothek arbeitet, weiß, dass Unordnung im System unweigerlich zum Verlust von Information führt. Also begann ich, meine Sitzungen wie Archivgut zu behandeln.
Die Systematik des Inneren: Signaturen statt Stimmungen
In meinem gelben Karteikasten, den ich aus der Bibliothek ausgemustert habe, befinden sich hunderte Karten im Format 105 x 148 mm. Jede Karte steht für eine Erkenntnis oder eine emotionale Regung aus den vier Modulen der Phoenix-Reihe. Ich habe für das gesamte Paket 999 EUR investiert – eine Summe, die mich anfangs schlucken ließ, die ich aber heute als Anschaffungswert für ein lebenslanges Nachschlagewerk betrachte. Wenn ich morgens vor der Arbeit eine Session mache, notiere ich mir danach nicht einfach, wie ich mich fühle. Ich vergebe Schlagworte.
Da gibt es die Signatur „Ahn-Vat-01“ für Themen, die direkt mit der Linie meines Vaters zu tun haben, oder „Ener-Block-04“, wenn es um körperliche Resonanzen geht. Andreas Goldemann arbeitet viel mit intuitiver Sprache und Gesang, was anfangs für meinen bibliothekarisch geschulten Verstand schwer zu fassen war. Doch als ich anfing, die Töne und Bewegungen als „Material“ zu betrachten, das ich in meinem Heft datiere und mit Marginalien versehe, verlor das Ganze das Esoterische und wurde zu einer präzisen Bestandsaufnahme.
Ein tiefes, unwillkürliches Ausatmen entweicht mir oft, wenn ein Querverweis zwischen einer Kurssitzung und einer alten Familienanekdote im Kopf einrastet. Es ist dieser Moment, in dem die Systematik greift. Ich erinnere mich an einen kühlen Aprilmorgen vor wenigen Wochen, als ich an einer Session aus Phoenix 2 arbeitete. Plötzlich verstand ich die Verbindung zwischen der emotionalen Enge, die ich oft im Brustkorb spürte, und der Art, wie mein Vater über Pflicht sprach. Ich notierte im Heft: „Siehe Querverweis Karte Ahn-Vat-03, Stichwort: Schweigegelübde“.
Das Negativ-Archiv: Warum Fehlversuche wichtig sind
Mein Ansatz unterscheidet sich vermutlich von dem vieler anderer Kursteilnehmer. Ich führe kein Fortschrittstagebuch im klassischen Sinne, in dem jede Woche alles besser wird. Ich führe ein thematisches „Negativ-Archiv“. In der Archivistik ist es oft genauso wichtig zu wissen, was fehlt oder was zerstört wurde, wie das, was vorhanden ist. In meinem Leinen-Heft dokumentiere ich deshalb akribisch die Wochen, in denen gar nichts passiert ist.
Während der dunklen Wochen im Januar gab es eine Phase von fast zehn Tagen, in denen ich keine einzige Session zu Ende bringen konnte. Ich saß auf meiner Matte, hörte die Stimme von Andreas, und mein Geist war so stumpf wie ein alter Bleistift. Früher hätte ich das als Scheitern gewertet. Heute bekommt diese Leere eine eigene Seite im Heft. Ich notiere: „Bestandslücke. Keine Resonanz möglich. Fokus auf reinem Erhalt des Ist-Zustands“. Diese Ehrlichkeit verhindert, dass die spirituelle Arbeit zu einer weiteren Leistungsdisziplin verkommt. Es ist wichtig zu verstehen, dass energetische Arbeit, wie sie in den Kursen vermittelt wird, keinen Ersatz für eine medizinische Diagnose oder eine notwendige Psychotherapie darstellt. Wer sich in einer akuten psychischen Krise befindet, sollte immer professionelle Hilfe suchen – ein Archiv ordnet nur das, was bereits stabil genug ist, um abgelegt zu werden.
Mein Vater hätte über meinen gelben Karteikasten geschmunzelt. Er war ein Mann der Tat, kein Mann der Reflexion. Aber durch die Arbeit an der Ahnenlinie und die Übungen für Einsteiger habe ich gelernt, dass seine Tatkraft auch in mir steckt – sie ist nur anders sortiert. Ich bin keine Schamanin und keine Therapeutin. Ich bin eine Frau, die Ordnung in das Chaos gebracht hat, das ein plötzlicher Tod hinterlässt.
Praktische Tipps für die bibliothekarische Dokumentation
- Verwenden Sie feste Formate: Ich nutze ausschließlich DIN A6 Karteikarten für spontane Blitze und das Leinen-Heft für die chronologische Einordnung der 4 Hauptmodule.
- Arbeiten Sie mit Querverweisen: Wenn eine Übung aus Phoenix 3 ein Gefühl auslöst, das Sie schon in Phoenix 1 hatten, notieren Sie die Seitenzahl oder das Datum der ersten Erfahrung.
- Das Datum ist heilig: Jede Notiz beginnt mit dem Datum und der Tageszeit. Es hilft, Muster zu erkennen (z.B. „Morgen-Resonanz ist klarer als Abend-Resonanz“).
- Keine Zensur: Auch Widerstände gegen Andreas' Gesang oder Momente der Skepsis gehören in den Bestand. Sie sind wertvolle Marginalia Ihres Prozesses.
Wenn ich heute auf die Erfahrungen mit dem Kurs Kraft der Ahnen zurückblicke, sehe ich keinen linearen Heilungsweg, sondern eine immer dichter werdende Vernetzung meiner eigenen Identität. Es ist wie die Erschließung eines Nachlasses: Man sichtet, man ordnet, man bewertet neu. Manchmal findet man in einer verstaubten Kiste – oder einer tief sitzenden emotionalen Blockade – einen Schatz, den man jahrelang übersehen hat.
Es gab einen Moment letzte Woche, als ich das leise Quietschen der Metallbügel im Karteikasten hörte, während ich eine neue Karte einsortierte. In diesem Geräusch lag eine unglaubliche Sicherheit. Die Welt mag unberechenbar sein, und Väter mögen ohne Vorwarnung in Donnerstagnächten sterben, aber meine innere Landkarte wird jeden Sonntagabend ein Stück präziser. Ich klappe das Heft zu. Für heute ist die Inventur abgeschlossen. Morgen früh, bevor ich die S-Bahn nehme und die ersten Buchrückgaben des Tages scanne, werde ich wieder auf meiner Matte sitzen. Ganz ohne Ausbildung, ganz ohne Titel – einfach nur ich, mein Atem und die systematische Erkundung dessen, was vor mir war.